Therapiestunde
Der Mann hatte eine dicke Beule am Kopf und ein dunkelblaues Veilchen unter dem rechten Auge.
"Uh, den haben Sie schon gut vorbehandelt."
Der Beamte der Bundespolizei zwinkerte mir zu. "Ja, bei denen kenn ich keine Gnade, wissen Sie?"
"Das haben Sie schon richtig so gemacht. So Leute muss man hart anfassen können." Ich blickte in die Kamera und lächelte dabei freundlich.
"So, jetzt müssen aber auch Sie mal mitanfassen. Soll er gleich auf die Couch?"
"Ja. Aber ich fass die Füße an. Nehmen Sie die Handschellen, ich will mir nicht die Hände schneiden."
"Nagut, dann mal los."
"Uh, Sie haben heute aber einen Schwung drauf, das sag ich Ihnen."
Der Beamte schüttelte erheitert den Kopf. "Na, der Stoß wird ihm vielleicht auch ganz gut tun."
"Kein Problem, das gehört zur Therapie. Aber das Blut an der Wand, damit bin ich ganz und gar nicht einverstanden."
"Wir müssen alle ein Opfer bringen für die Freiheit", sagte er in die Kamera.
"Aber natürlich, nichts ist mehr wie früher. Wegen Menschen wie ihm."
"Genau." Der Beamte holte eine Mappe aus seiner Aktentasche. "Aber jetzt muss ich los. Hier ist seine Akte."
Der Mann blutete noch immer heftig. Ich sprach einen kurzen Schwur auf die Verfassung in das Mikrophon und begann, mir die Akte durchzulesen. Schnell wurde mir bewusst, dass Blut allein niemals einer Vergeltung genüge tun würde.
"Na, dann wolln wir mal." Ich deaktivierte den Sicherheitsschalter der Stromkreise. "Sie haben ja eine tolle Einstellung zu unserer Freiheit hier, das muss ich schon sagen."
Der Mann stöhnte leise und zuckte mit dem Arm.
Seit nunmehr 20 Jahren kämpfen alle rechtschaffenen Menschen für die grenzenlose Gerechtigkeit und der Krieg wird noch viele Jahre weitergehen, solange es feige Geschöpfe wie Sie gibt, die unsere Freiheit mit Füßen treten." Stolz legte ich die Hände auf den Monitor meines Computers. "Alles ist so einfach, aber Sie haben es offenbar noch nicht begriffen: Nur in unserer freien Welt können Sie es zu etwas bringen. Schauen Sie her: Auf meinem Computer steht die Zahl ´Achtmilliarden´. Wer weiß, in ein paar Monaten schon darf ich mir eine höhere Zahl auf das Gehäuse schreiben lassen. So was bekommt man nur mit harter Arbeit, Disziplin und vielerlei Entbehrungen. Aber das sollte es wert sein."
Ich ging zur Couch und blickte dem Mann in die Augen. "Nun sagen Sie mal, welche Zahl steht eigentlich auf Ihrem Computer?"
Er antwortete nicht.
"Hören Sie, bedeuten Ihnen unsere Werte überhaupt nichts?" Ich holte mein Lebensbuch aus der Tasche und wurde lauter. "Hier schauen Sie, was für Werte ich besitze. Und mit jedem Tag des Gehorsams, jedem Eid und Gebet bekomme ich mehr in mein Buch geschrieben." Ich baute mich drohend über ihm auf. "Soweit könnten auch Sie längst schon sein."
Ich setzte mich an den Schreibtisch. Stolz blätterte ich durch mein Lebensbuch. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass meine Nachbarn eine vergleichbare Anzahl an Besitztümern in ihrem Buch verzeichnet hätten.
Ich öffnete wieder seine Akte. "Wissen Sie, was ich glaube? Sie sehen viel zu wenig fern." Ich fuhr mit dem Finger durch die Fernsehkontrolldaten und schüttelte den Kopf. "Verdammt noch mal. Wie wollen Sie lernen, was richtig und was falsch ist, wenn Sie so wenig Zeit vor dem Fernseher verbringen? Hä?"
Die Antwort war wieder nur Schweigen.
Ich stand auf und stemmte meine Hände in die Hüften. "Hallo-Hallo! Hört denn der liebe Patient den Onkel Doktor überhaupt?" Ich packte ihn am Kragen. "Oder ist es ihm etwa scheißegal, welche Werte der westlich-zivilisierten Welt wichtig sind?"
Er versuchte, sich mit dem Gesicht zur Wand zu drehen.
"Wieso eigentlich", ich zog sein Gesicht am Kragen zurück, "bekommt man von Ihnen nie ein eindeutiges Bekenntnis zum Krieg für die Freiheit zu hören? Können Sie mir das mal sagen?"
Er jammerte leise und hielt sich die Hände vor das Gesicht.
Ich zog ihn hoch und schlug ihm den blutigen Hinterkopf gegen die Wand. "Verstecken hilft Ihnen gar nichts. Einmal! Nur einmal will ich es von Ihnen hören!"
Er verdrehte die Augen und ließ die Arme sinken.
"Los! Sagen Sie es: Ich stehe zu dem Krieg! Ich stehe zu dem Krieg!"
Ich konnte ein leises Schnauben hören und der Mann schloss die Augen. Ich ließ ihn wieder fallen und ging zum Waschbecken, mir das Blut von den Fingern zu waschen. Zurück am Schreibtisch drehte ich langsam den Elektroschockregler bis zum Anschlag.
Vorsichtig beugte ich mich über die Couch. "Und? Wie geht es Ihnen?"
"Nun, ich fühle mich noch ein bisschen schwach. Aber wissen Sie was?"
"Erzählen Sie."
"Ich habe jetzt Lust, etwas zu konsumieren."
Ich musste lächeln. "Na, dann hat die Therapie wohl angeschlagen, was?"
Der Mann nickte begeistert. "Und ob. Eine Teufelsmaschine haben Sie da. Aber verdammt möchte ich sein, wenn ich nicht morgen ganz früh zur Arbeit gehe. Ich sag Ihnen, in meinem Lebensbuch werden bald ganz hohe Zahlen drin stehen und tausend neue Dinge, die alle mir gehören."
"Und der Krieg?"
"Gepriesen sei George, dass er den Krieg gegen den internationalen Terrorismus begonnen hat. Mögen wir alle unseren Beitrag am Krieg für die Freiheit leisten unser Leben lang. Amen."
"Amen" antwortete ich.
Der Mann konnte wieder in die Freiheit entlassen werden. Ich wusste, dass noch viele Jahre vergehen würden, bis der letzte Mensch therapiert sein würde. Vielleicht war das auch ganz gut so. Der Krieg hatte die Menschen diszipliniert und zusammengeschweißt. Nie zuvor stand die Welt so geschlossen hinter unseren Prinzipien der Freiheit. Die Werte der westlich-zivilisierten Welt lagen höher im Kurs als je zuvor.
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