Keiner mag mich
Es war niemand gekommen.
Bereits zweimal hatte ich vergeblich den Klingelknopf gedrückt. Irgendwo im Supermarkt rannten sie umher: Verkäuferinnen in weißen Kitteln, die mit angespannten Gesichtern hektisches Treiben heuchelnd doch nichts weiter taten, als quer durch den Supermarkt auf und ab zu rennen, hoffend auf ein paar anerkennende Blicke irgendeines Vorgesetzten und wartend auf den Feierabend.
Zweifellos. Die Klingel war im ganzen Supermarkt zu hören und auch der Weg zur Flaschenrückgabe war nicht weit. Warum aber kamen sie nicht? Vielleicht war es die Hoffnung auf den Eifer einer anderen Kollegin. Vielleicht entzog sich das Rückgabelager auch den erwarteten anerkennenden Blicken des Vorgesetzten. Vielleicht aber auch standen die Verkäuferinnen längst schon hinter einer der Bierkisten, tuschelnd und linkisch kichernd: "Guck dir den an! Was für eine Fratze! Was will der überhaupt hier?"
Der Gedanke erschreckte mich. Sollte ich noch weiter darauf warten, daß sie hinter den Kisten hervortraten, um mich zu bedienen? Sollte ich mich weiter vor ihnen lächerlich machen?
Ich hatte genug und marschierte stolzen Schrittes auf die Kasse zu. Mein Atem wurde immer lauter. An der Kasse angekommen schnaufte ich noch einmal kräftig durch, um meiner Forderung Nachdruck zu verleihen und sagte dann zu der fetten Frau mit den krummen Fingern: "Ich möchte Flaschen abgeben. Aber da ist niemand."
Sie antwortete nicht. "Achtundfünfzig Sechsundvierzig", murmelte sie einem Kunden zu, während sie unruhig ihr Gesäß neu um den viel zu kleinen Hocker herum platzierte.
Vorsichtig tippte ich sie an der Schulter an und wiederholte: "Bitte. Ich möchte Flaschen abgeben." Meine Stimme klang trotz des Verstärkers viel zu unterwürfig.
"Da hinten", antwortete sie, ohne sich umzudrehen und ohne auch nur im geringsten zu signalisieren, welche Richtung sie damit meinte. Sie gab dem Kunden das Wechselgeld und setzte schon an, einen blutigen Fleischklumpen über den Scanner zu ziehen, als ich sie erneut an der Schulter berührte. Nicht so eindringlich wie zuvor und auch meine Stimme klang diesmal noch etwas vorsichtiger: "Bitte. Da ist niemand."
Sie drehte sich um und sah mich an. Sie verharrte für einen Augenblick, versuchte aber nicht, ihr Entsetzen preiszugeben. Es war mir bekannt, was die denken mußte: "Wie sieht denn der aus? Und der hält mich hier von der Arbeit ab? Und angefaßt hat er mich auch noch?" Wenn sie ein Würgen im Hals verspürte, so versteckte sie es gut.
Schnell drehte sie sich wieder um und betätigte einen Schalter. Sie beugte sich nach vorne und sprach in ein Mirkophon: "Dreiundfünfzig bitte die sechsunddreißig." Man konnte ihre Stimme im ganzen Supermarkt hören. Gerne hätte ich solch einen Verstärker auch für mich gehabt. "Für nur fünf Mark achtundneunzig", fügte sie hinzu.
Ich sah einen alten Mann, der ein Bein ein wenig nachzog, auf die Flaschenrückgabe zulaufen und folgte ihm.
Ich keuchte noch ein wenig als ich an der Rückgabestelle ankam. Ich erinnerte mich daran, daß ich mein Atemgerät längst schon wieder zur Inspektion hätte bringen sollen. "Ich habe die Flaschen zu Hause vergessen." Meine Stimme klang heiserer als je zuvor. "Aber es waren sieben Plastikflaschen mit Cola."
Der Mann öffnete weit seine gelblichen Augen. "Flaschen?"
Es war ein böses Spiel. Alles ließen sie mich zweimal sagen. Wo sie doch genau gemerkt haben mußten, wie schwer ich mich tat, solche Dinge zu erklären. Ich versuchte, die ganze Angelegenheit zu vereinfachen: "Sieben Plastikflaschen!"
"Hier." Er deutete auf einen leeren Kasten.
"Zu Hause." Ich versuchte, ganz laut und deutlich zu sprechen, damit der Mann endlich verstand.
"Flaschen!", antwortete er wieder. Dann zuckte er mit den Schultern und ging. Ich glaube, er hatte von Anfang an die Situation verstanden, machte sich aber einen Spaß daraus, mich lächerlich zu machen. Es war für ihn eine beschlossene Sache gewesen, daß ich keinen Flaschenpfand bekommen sollte. Was immer ich getan hätte, es stand von Anbeginn fest, daß ich verloren hatte.
Was immer ich getan hätte, es stand von Anbeginn fest, daß ich verloren hatte. Was mir Obi-Wan Kenobi an Jediausbildung bieten konnte, war alles andere als qualifizierend. Selbst gerade erst raus aus der Schule und schon meinte er, den großen Ausbilder spielen zu müssen. Kein Yoda weit und breit, nur ein Lichtschwert mit Wackelkontakt und noch nicht mal ein R2D2 in der Nähe, den wir hätten schweben lassen können. Was hätte man von mir erwarten sollen? Ein neunjähriger Bub, für sein Alter viel zu klein, der außer dem eigenen Hof mit den Sughettigurken-Feldern im Wüstensand noch nicht viel zu Gesicht bekommen hatte. Ist es verwunderlich, daß mich die Wunder der Macht von Obi beeindruckten? Die Modelleisenbahn, die von ganz alleine fuhr, die Big-Jim Figur mit dem Automatikarm, die Turnschuhe, die hinten an der Sohle leuchteten - sowas kann einen Jungen schon begeistern, der noch nichts gesehen hat vom großen weiten Universum.
Die Ausbildung ging gründlich daneben. So stand ich nun da: Ohne Ausbildung, ohne Job. Ein paar halbherzige Jedi-Tricks konnte ich schon, aber was sollte ich damit anfangen? Um die Welt zu retten war das ein bißchen zu wenig und ein Jahrmarkt war auch nicht in der Nähe.
War es da verwunderlich, daß ich mich dem Imperator anschloß, als er mir ein entsprechendes Angebot machte? Zwei warme Mahlzeiten am Tag, ein Dach überm Kopf und eine eigene Maske. Was hätte mir Obi bieten können?
Ich war bereits sehr hungrig. Ohne Flaschenpfand konnte ich mir jedoch nichts zu essen kaufen. Ich streifte den Supermarkt mit gesenktem Haupt auf und ab in der Hoffnung ein paar Münzen auf dem Boden zu finden - vergebens. Überall um mich herum die prall gefüllten Einkaufswagen, geschoben von schwitzenden Müttern mit bunt übermalten Streßgesichtern. Meine eigene Maske erschien mir mit einem Male wie ein harmloser Scherz. Sollten sie sich doch fettfressen und ihre Kinder gleich dazu. Sollten sie mir doch verachtende Blicke zuwerfen, während ich hier hungrig auf und ablief. Ich war ja schließlich ein Diener des Imperators, ein böser Mensch, den man hassen durfte, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu bekommen, ich hatte es nicht andres verdient.
Gerne hätte ich mich einfach neben irgendein Ehepaar an der Wursttheke gestellt, mich ein bißchen klein gemacht und darauf gewartet, daß die Wurstverkäuferin mich gefragt hätte: "Magst ´ne Wuast?" Ich hätte mir die Wurst geschnappt und wäre über alle Berge gewesen, noch ehe irgendwer gemerkt hätte, wie alt ich wirklich war. Die Wursttheke war jedoch gerade unbesetzt und ich hatte keine Lust mehr, nach irgendwem zu klingeln.
Ich hatte mich immer zur falschen Zeit am falschen Ort befunden. Wieso hatte mich der Imperator auf dem Todesstern ausgesetzt? Keiner dort hatte an die Macht geglaubt und meine Aussichten, irgendwen zu bekehren, waren dank meiner mißlungenen Ausbildung gering. Der Imperator hatte mir versprochen, daß ich dort eine ganz große Rolle spielen sollte, aber als ich ankam, stellte ich fest, daß ich nicht einmal der einzige Maskenträger war. Überall rannten diese Sturmtruppen durch die Gänge, alle ausgestattet mit Ganzkörperpanzer und Sprachverstärker. Wie sollte ich dort noch etwas besonderes sein? Während die Uniformen der Sturmtruppen noch in sattem weiß glänzten, war meine Maske über die Jahre längst schwarz geworden.
Als der Todesstern zerstört wurde, starb auch Tarkin, mein Boß, der mich all die Zeit über ganz und gar nicht gern gehabt hatte. Er wußte, daß er mit seinem kantigen Gesicht viel eindrucksvoller war als ich mit meiner breiten Maske. Immer war da dieser kalte und doch so zynische Unterton in der Stimme, wenn er mit mir sprach. Meine Stimme hingegen klang immer nur blechern und das Atmen fiel mir schwer.
Ich hatte die Explosion des Todessterns überlebt, doch befand ich mich nun auf diesem Planeten, auf dem man mir noch viel weniger Zuneigung entgegenbrachte, als auf dem Todesstern zuvor.
Es war schon spät und so wurde es allmählich dunkler. Ich hatte bereits mein Lichtschwert angeschaltet und schlenderte traurig durch die Straßen. Nicht einmal meine schwarze Kutte, die im Wind wehte, wirkte heute noch eindrucksvoll.
"Was hast du da für ein Ding?" Einige Kinder umlagerten mich.
"Mein Lichtschwert. Da vorne darfst du es nicht berühren. Das ist ziemlich heiß".
Die Kinder staunten nicht schlecht.
"Willst du hier mal anfassen?"
Ein Junge nahm den Griff in die Hand. Es schien ihn zu begeistern. Auch meine Stimmung heiterte sich ein wenig auf.
"Soll ich dir mal zeigen, was man machen muß, damit es größer wird?"
In diesem Moment standen sie plötzlich vor mir: Die maskierten Frauen aus dem Supermarkt.
Es war der Imperator, der mich rettete. Ich bekam einen neuen Job auf einem Sternenzerstörer. Sicherlich, es war nicht Zuneigung oder Freundschaft, was ich vom Imperator zu erwarten hatte. Für ihn war ich nur die Marionette in einem diabolischen Plan. Aber was sollte ich mich beschweren? Ich hatte schließlich zwei warme Mahlzeiten am Tag, ein Dach überm Kopf und eine eigene Maske. Und wenn die Depression kam, durfte ich mir einen imperialen Commander aussuchen, um ihn mit der Macht zu erwürgen. Das immerhin hatte ich inzwischen gelernt.
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von Findur am 30.12.2007 - Steckbrief ansehen!
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