Der Bodesäa is wunderschöä

Eigentlich hätte hier ein Regal mit Schuhkartons stehen müssen.
Ich ging weiter durch den Korridor und öffnete leise die Türe zum Lager. Ein unangenehmer Geruch stieg mir in die Nase. In einem der Betten lag bereits jemand, ich konnte nicht sehen, wer es war. Die Person röchelte ein wenig und schien auch die Duftquelle zu sein, die das ganze Lager mit einem süßsaueren Aroma würzte.
Ich öffnete den Schrank neben dem Bett. Alles war etwas schwer zu erkennen, doch ich konnte unschwer feststellen, daß ich auch hier keine Schuhkartons finden konnte.

Ob der Kunde bereits ungeduldig geworden war? Ich hatte keine Schuhe gefunden und sollte ihn noch ein wenig um Geduld bitten, wenn ich ihn als Kunden nicht verlieren wollte.
Die Türe zum Korridor war direkt neben dem Schrank, daran erinnerte ich mich genau. Es sollte also nicht schwer sein, sie zu finden. Komplizierter würde der Weg vom Korridor zur Verkaufshalle werden. Ich konnte mich kaum mehr erinnern, welche Wege und Türen ich genommen hatte. Es hatte sich ohnehin alles verändert in meinem Schuhgeschäft.

Möglicherweise hätte die große Glastüre am Ende des Korridors in den Verkaufsraum geführt. Ich konnte sie jedoch nur einen Spalt breit öffnen und als ich den Türrahmen entlang tastete, stellte ich fest, daß die Türe mit einer Kette gesichert war.
Ich entschied mich, die Holztüre zur Linken auszuprobieren und erkannte, daß sie sich ganz einfach öffnen ließ. Sie führte in einen kleinen Raum mit einem Waschbecken und einer Toilette. Über dem Waschbecken war ein großes Fenster angebracht, hinter dem jemand stand. Vielleicht war es mein Kunde? Ich ging näher an das Fenster heran und versuchte die Person zu erkennen. Ich konnte nicht gut sehen, aber es schien mir so, als hätte sich auch die andere Person jetzt umgedreht. Ich ging noch einen Schritt weiter auf sie zu und stellte fest, daß auch ich von ihr neugierig gemustert wurde.

Es war eine uralte Frau, runzelig und abgemagert, kein schöner Anblick für ein junges Mädchen wie mich. Was mußte das für ein Leben sein, so alt und gebrechlich dazustehen, durch das Fenster zu blicken und kleinen Mädchen Angst zu machen? Ich wünschte mir, es niemals selbst erfahren zu müssen, niemals selbst so alt zu werden. Angewidert drehte ich mich um und setzte mich auf die Toilette. Noch war ich ein fesches Mädchen von sieben Jahren, aber was würde mir eines Tages die Zukunft bringen?
Im Grunde lag es auf der Hand: Mit zwanzig würde ich Johann kennenlernen, den ich ein paar Jahre später heiraten würde. Ich würde in seinem Schuhgeschäft arbeiten und ich würde zwei schöne Töchter zur Welt bringen. Johann müßte leider schon früh sterben, aber ich würde das Schuhgeschäft noch einige Jahre erfolgreich alleine weiterführen, bis ich es irgendwann mit 60 wieder verkaufen würde. Aber was würde dann passieren? Was wäre, wenn ich alt bin? Ich konnte mich nicht mehr erinnern, was danach geschah. Aber was sollte es? Ich würde es erfahren, wenn die Zeit gekommen war.

Mein Kunde hatte jetzt ebenfalls die Toilette betreten. Er half mir beim Aufstehen und öffnete den Klodeckel. Da sah ich mit einem Male den Schuhkarton, der oberhalb des Fensters mit der alten Frau auf dem Spiegelschrank abgestellt war. Ich wußte nicht, wie lange die Schuhe schon hier standen, aber eins war mir klar: Die Schuhe mußten raus, alles mußte verkauft werden.
"Halten Sie sich mal am Waschbecken fest", sagte mein Kunde.
"Das Waschbecken auch verkaufen!", antwortete ich.
Ich hielt mich mit einer Hand am Waschbecken fest und versuchte mit der anderen den Schuhkarton zu erreichen.
Der Kunde nahm meine Hand und drückte sie wieder runter zum Waschbecken. Er war sehr grob.
"Auch verkaufen!", wiederholte ich, während er mir die Windeln auszog.

Es würde noch einige Jahre dauern, bis ich im Schuhgeschäft zu arbeiten beginnen konnte. Vorher sollte ich noch einige Zeit die Schulbank drücken. Mein Kunde führte mich wieder durch den Korridor meines Schuhgeschäftes. Ich wußte nicht, wie spät es war, aber sicherlich mußte die Schule bald anfangen. "Wo hanni mei Schuleranze?", fragte ich den Kunden.
"Den brauchen wir jetzt nicht", antwortete er salopp.
Aber das ging doch nicht. Wie sollte ich in die Schule gehen ohne meinen Schulranzen? Der Schulranzen stand ohnehin schon viel zu lange im Lager. Er mußte raus. "Schuleranze auch verkaufen!"

Ich setzte mich auf den freien Stuhl. Zu meiner rechten saß der Kunde, der ein großes Buch aufgeschlagen hatte. Mir gegenüber saßen wieder einige ganz alte Frauen. Ich fürchtete mich vor ihnen.
Der Kunde blätterte in dem Buch. "Das ist der Bodensee.", sagte er.
Das Thema gefiel mir. Ich hatte meine Kindheit am Bodensee verbracht und würde dort bleiben, bis ich alt wäre. Leider konnte ich nicht gut sehen und wußte nicht, was man mir zeigen wollte. Aber ich erinnerte mich an den alten Spruch, den ich gelernt hatte als ich noch ein Kind war: "Der Bodesäa is wunderschöa. Wers it glaubt soll selbscht hingäa!", sagte ich und beeindruckte die anderen Kinder.

Der Lehrer war nicht böse mit mir, obwohl ich den Schulranzen vergessen hatte. Wir hatten einen Schulausflug zum Bodensee gemacht, saßen jetzt an einem Tisch und schauten uns ein Buch an.
Eines der Kinder blätterte in dem Buch und zeigte auf ein Bild. "Oh, das ist ja auch der Bodensee", sagte die Oma.
Ich konnte leider überhaupt nichts sehen in dem Buch. Aber ich freute mich sehr, daß wir zum Bodensee gewandert waren und überlegte, ob ich den Spruch noch wußte, den mir die Frau vom Schuhgeschäft neulich erzählt hatte. Ich konnte ihn fehlerfrei: "Der Bodesäa is wunderschöa. Wers it glaubt soll selbscht dorthingäa!"

Der Pfleger blätterte in dem Buch. Am Tisch saßen einige sehr alte Frauen. Auch auf meinem Stuhl hatte eine Oma platzgenommen. Ich ahnte schon, wovon das Buch handelte. Ob ich den alten Spruch noch zusammenbrachte? Ich wußte es nicht, aber wenn das Stichwort fiele, dann würde ich schon sehen, ob mein Spruch noch da war oder nicht.
"Das ist aber ein schönes Bild vom Bodensee", sagte der Pfleger.
Da kam mir eine Idee: Es gab doch einen Spruch, den ich als das junge Mädchen, das ich war, gelernt hatte. Mal sehen, ob er den Greisinnen, die sich hier am Tisch versammelt hatten, gefiel. Ich hatte jedoch keine Ahnung, ob ihn noch wußte.
Plötzlich hörte ich die Worte: "Der Bodesäa is wunderschöa. Wers it glaubt soll selbscht einmal dorthingäa!" Es waren die Worte der alten Frau, die auf meinem Stuhl platzgenommen hatte.

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Mitglieder Mitglied werden! von Findur am 30.12.2007 - Steckbrief ansehen! Kommentare (0) zu dieser Kurzgeschichte Kennwort: Name:Kennwort vergessen? Internetspiele Witze Nachrichten Prophezeiung Gemüseorakel Anticool Mitgliederliste Kurzgeschichten Rätsel Community